Schüler-Karrieren im Keller

Abiklausuren und Kuriositäten im Archiv des Kaempfer-Gymnasiums -
Wahre Schätze weit verstreut

Lemgo. Vom passenden Schlüssel zur feuerfesten Tür gibt es nur zwei Exemplare. Dahinter wacht eine Messstation penibel über die Luftfeuchtigkeit. Sorgsam behütet liegt das Archiv im Keller des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums. Dabei sind die wahren Schätze der Schulgeschichte nicht einmal vor Ort zu finden.


Alter Schinken:
Dr. Lothar Weiß, Hausarchivar des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums, schmökert im Schularchiv in einer alten Werkausgabe von Aristoteles.


Schülermütze:
Dr. Friedrich Bratvogel zeigt ein altes Kleidungsstück aus dem Fundus.
FOTOS: TILL SCHRÖDER

Und das Schulprogramm von 1560? Nur ein Nachdruck hängt im Hauptgebäude. Dafür gibt es einen Grund, betont Hausarchivar Dr. Lothar Weiß. Sogar einen guten, der die Schule adelt: "Das Bildungsbürgertum Lemgos besaß zur Blüte des Hauses Strahlkraft über die Stadt hinaus. Heute würden wir sagen: ein gutes Netzwerk." Offenbar mit Verbindungen nach Wolfenbüttel, wo Weiß auf das Schulprogramm stieß.

Eine kurze Notiz im Staatsarchiv Marburg ist Anlass, 2009 einen runden Geburtstag zu feiern. Derweil traditionsreiche Schulen oftmals wegen ihres Alters kein Gründungsjahr angeben können, weist das EKG immerhin einen Neuanfang nach. Nach bereits etwa drei Jahrhunderten Schule in Lemgo wurde ein Verwaltungsmann in Pyrmont in seinen Aufzeichnungen konkret: "Fünffhundert fünfftzig neune nach christi geburt hatt angefangen die schule zu Lemgo." Weiß erklärt den ortsfremden Eintrag in den "Pyrmonter Akten": "Das Niveau der Schule stieg, viele Absolventen gingen auf die Universität." Das interessierte offenbar auch in Pyrmont. Für das kommende Jahr - das 550. nach der Erwähnung - plant das EKG daher unter anderem eine Zusammenfassung all der Erkenntnisse zur Schulgeschichte Lemgos.

Für illustrierende Bilder gibt es reichlich Motive, wie ein Besuch mit Schulleiter Dr. Friedrich Bratvogel und Weiß im Keller beweist. Dabei hat das Gymnasium fast seinen gesamten Bücherbestand abgegeben. Die meisten - darunter ein Lexikon von 1500 in 60 Bänden - bekam das Staatsarchiv in Detmold; auch das Stadtarchiv ging nicht leer aus. 30 Atlanten aus dem 18. Jahrhundert haben so eine neue Heimstatt gefunden. "Da sind sie besser aufgehoben", verschmerzt Weiß den "Verlust". "Außerdem ist geregelt, dass die Lehrer des EKG das Recht haben, sie jederzeit einzusehen." Kuriositäten, die im kommenden Jahr hervorgekramt werden könnten, blieben indes vor Ort: eine zweibändige Werkausgabe des Aristoteles - versehen mit Notizen und Wasserflecken, Fotos, Schülermützen… Weiß zieht eine Weinflasche hervor. "Die haben wir im Dachgebälk versteckt entdeckt. Wohl ein Überbleibsel einer Feier." Bratvogel verdächtigt nach dem Blick aufs Etikett ehemalige Schüler: "Ein süffiger Wein - sicher nicht der teuerste." Zwiespältige Spuren allenthalben: In 30 Regalmetern lagern Abiturklausuren - Grundsteine für Karrieren. Nur eine Regalreihe weiter: die Klassenbücher. Weiß zieht einen Band von 1975 aus dem Regal und zitiert: "Koch und Reute essen während des Sportunterrichts Kaugummi." Im EKG-Keller liegen unrühmliche Taten und lichte Momente dicht beeinander.

Quelle: Lippische Landeszeitung, 27.02.2008

 

SO STIMMTS

Lexikon jünger als angegeben

Korrekturen des LZ-Artikels vom 27.02.2008

Lemgo. Vom Jahr 1559 bis 2009 sind es 450 Jahre, nicht 550, wie wir in dem gestrigen Artikel zum Archiv des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums geschrieben haben. Das 60-bändige Lexikon ist zudem jünger als von uns angegeben - es stammt aus dem 18. Jahrhundert, nicht von 1500. Der größte Teil des Bücherbestandes ging zwar nach Detmold, nicht aber, wie berichtet, an das Staatsarchiv, sondern an die Landesbibliothek. 3 Atlanten mit 100 Karten gingen an das Stadtarchiv. EKG-Hausarchivar Dr. Lothar Weiß legt zudem Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den genannten Schülern um geänderte Namen handelt. Wir bedauern die Fehler und bitten um Entschuldigung.
Quelle: Lippische Landeszeitung, 28.02.2008

29.02.2008